Bild
Besichtigung von Windkraftanlagen mit vielen Informationen

Auf Einladung der Oestrich-Winkler Genossen machten sich am vergangenen Samstagmorgen über 20 Stadtverordnete, Kreistagsabgeordnete und interessierte Bürger vom Parkplatz an der Basilika auf den Weg über den Rhein, um sich an verschiedenen Standorten live und vor Ort einen Eindruck davon zu verschaffen, welche Auswirkungen Bau und Betrieb von Windrädern auf die Natur haben. Begonnen hatte die Tour im Windpark Lingerhahn (Rhein-Hunsrück-Kreis).

Hier war eine erst vor kurzem errichtete Anlage der Anlaufpunkt, an dem ein Mitarbeiter des Projektbetreibers bereitstand, um den Politikern Erklärungen zur Bauphase und zum laufenden Betrieb zu geben. Bei nur moderatem Wind war von der Anlage selbst nichts zu hören, bei stärkerem Wind sei aber das Geräusch der vorbeilaufenden Flügel durchaus wahrnehmbar, wegen der vorgeschriebenen Abstände zu bewohntem Gebiet höre man dort aber nichts mehr. Gleiches gelte auch für den Schattenwurf, der zwar bei extrem tiefstehender Sonne bis ins Siedlungsgebiet reichen könne, dies in der Praxis aber selten und während eines ganzen Jahres für nicht einmal 10 Minuten tue. Für den Bau einer Anlage benötigt man große Kräne und daher in der Bauphase selbst eine Fläche von etwa 5000 Quadratmetern, von denen später ein Großteil wieder aufgeforstet wird. Lediglich eine Fläche für einen später möglich werdenden erneuten Kranaufbau sowie das eigentliche Fundament der Anlage werden freigehalten, was etwa einem halben Fußballplatz entspricht. Wie das in natura aussieht, konnte an einem anderen Standort besichtigt werden. Der Windpark Kisselbach liegt entlang der Autobahn 61 und ist schon seit einigen Jahren in Betrieb. Die Umgebung der Anlage ist bereits wieder eingewachsen, auch hier sind lediglich das Fundament und die Fläche für den möglichen Kranaufbau freigeblieben, aber auch begrünt. Wenn das Windrad Geräusche verursacht haben sollte, so wurden diese vom stetigen Rauschen des Autobahnverkehrs vollständig verschluckt. Ganz ruhig war es dann am dritten Haltepunkt, denn hier befand man sich auf einer Baustelle. Da es nur wenige Kräne gibt, die die notwendige Höhe von rund 150 Metern erreichen, und ein solcher Kran im Moment nicht verfügbar ist, ruht diese Baustelle so lange, bis der nächste Kran wieder frei ist. Zu besichtigen war der Turm, der bis zu einer Höhe von etwa 100 Metern bereits fertiggestellt ist und in diesem Bereich aus Spannbetonteilen besteht. Die oberen Segmente werden aus Stahl gefertigt und nicht nur verklebt, sondern auch im Turminneren mit Stahlseilen im Fundament verspannt. Befürchtungen, bei starkem Wind könne ein Turm einmal abbrechen, muss man also nicht haben. Bei allen Anlagen war von Stromleitungen weit und breit nichts zu sehen. Sie werden über Erdkabel mit einem zentralen Umspannwerk verbunden.

Den Schlusspunkt der Besichtigungstour setzte der Besuch im Windpark Wald-Algesheim. Hier stehen die vier Anlagen, die auch im Rheingau das Landschaftsbild sichtbar beeinflussen. Sie stammen aus der neuesten Generation und arbeiten so effektiv, dass sechs dieser Anlagen genug Strom erzeugen, um den Bedarf von ganz Oestrich-Winkel zu decken. In Wald-Algesheim war dann auch zu sehen und zu hören, wie sich die Anlagen nach dem Wind ausrichten. Mit einem leichten Summen drehte sich der Kopf der Anlage kaum merklich um wenige Grad in den Wind. Zudem kann auch der Anstellwinkel der Flügel verändert werden, um sich unterschiedlichen Windgeschwindigkeiten anzupassen oder die Anlage stillzulegen. Für den Bau der Anlagen hat man, wie an anderen Stellen auch, eine Windbruch-Fläche benutzt und sich damit das Abholzen erspart. Auf dem Weg zu diesem Windpark hatte die Gruppe Gelegenheit, die Freilandtrasse der Hochspannungsleitung Köln – Mannheim in Augenschein zu nehmen, die ganz in der Nähe des Windparks auf einer Breite von etwa 100 Metern durch den Binger Wald führt. Nach der dafür notwendigen Abholzung des Waldes hat sich im Bereich dieser Trasse ein Biotop entwickelt, das unterschiedlichsten Tieren und Pflanzen neuen Lebensraum bietet. Der Flächenbedarf für diese Trasse ist um ein Vielfaches größer als der für die Aufstellung eines Windrades benötigte Raum.

Um Vögel und Fledermäuse nicht über die Maßen zu gefährden, können während der Vogelzüge, deren Zeiten und Routen bekannt sind, die Anlagen vorübergehend abgeschaltet werden. Anlagen der neuesten Generation drehen sich im Übrigen bei Volllast mit etwa 12 Umdrehungen pro Minute, deutlich langsamer als ältere Windräder und auch von Vögeln gut einschätzbar. Die Zahl der toten Vögel an Windrädern liege deutlich unter der, die man auf der Straße beobachtet.

Für den Bau eines einzelnen Windrades müsse man mit Kosten zwischen vier und sechs Millionen Euro rechnen, erklärte der Vertreter des Projektbetreibers. Das hänge vor allem vom geplanten Typ, aber auch von den Umgebungsbedingungen ab. Beim Bau eines Parks mit mehreren Anlagen fielen natürlich beispielsweise die Kosten für die Herrichtung der Wege und den Anschluss an das Stromnetz nur einmal an und die Gesamtkalkulation sehe damit wesentlich günstiger aus.

Die Exkursion nutzten auch Mitglieder der SPD-Kreistagsfraktion, um sich zum Thema „Windenergie“ zu informieren. Aus Oestrich-Winkel war Bürgermeisterkandidat Werner Fladung der Einladung von Christel Hoffman ebenso gefolgt wie der frühere Landrat Klaus Frietsch und mehrere interessierte Bürger aus der Stadt. Die abschließende Rast im Forsthaus Lauschhütte bot Gelegenheit, sich über die neu gewonnenen Erkenntnisse auszutauschen und über die künftige Energiepolitik in Stadt und Kreis zu diskutieren. Anhand der regionalen Windpotentialkarte konnten die Teilnehmer über mögliche Standort im Gebiet von Oestrich-Winkel und über Projekte mit den Nachbarstädten beraten. Bedauerlich nur, dass von den erklärten Windkraftgegnern niemand die Chance nutzte, sich zu informieren und sich ein objektives Bild zu machen. So wird vielerorts weiter auf der Basis von Vermutungen und Halbwahrheiten diskutiert werden müssen – eine Situation, die angesichts der Bedeutung für die weitere Entwicklung nicht zufriedenstellen kann. Angesichts der Tatsache, dass allein im Rhein-Hunsrück-Kreis fast 150 Anlagen bereits laufen, weitere 50 im Bau oder genehmigt sind und Planungen für weitere 160 Anlagen bestehen, belegt Hessen auf diesem auch wirtschaftlich bedeutenden Gebiet einen hinteren Tabellenplatz.

Comments are closed.