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Wer sich beim Volkstrauertag auf den Weg zu den Gedenkstätten macht, der gehört zu einer kleinen Gruppe von Menschen, die vorwiegend aus Vereinsvertretern, Repräsentanten der Kommune und einigen wenigen älteren Menschen besteht.

„Betrifft mich nicht“, „Nicht mehr zeitgemäß“, „Um was geht es da überhaupt?“ – das hört man oft, wenn das Thema „Volkstrauertag“  angesprochen wird. In der Tat gibt es nur wenige, die von den beiden Weltkriegen noch in irgendeiner Weise direkt betroffen sind und entsprechend gering ist die Zahl derer, die sich im diesigen November zur Gedenkfeier einfinden. Da kommt schnell die Frage auf „Gibt es heute oder in absehbarer Zukunft überhaupt noch einen Anlass für einen Tag nationaler Trauer oder sollte man ihn bei Gelegenheit einfach abschaffen?“

Ich glaube, dass der Volkstrauertag auch heute noch seine Berechtigung hat. Zu tief sind die Wunden, die die beiden großen Kriege des 20. Jahrhunderts der Menschheit geschlagen haben, zu gravierend ist das, was gerade unser Volk unter der Naziherrschaft an Unrecht getan hat und was Menschen in Deutschland unter dem braunen Terrorregime erleiden mussten, um das jemals in Vergessenheit geraten zu lassen.
Pfarrer Mani hat das in seiner Rede beim diesjährigen Volkstrauertag eindrucksvoll dargestellt: Kriegsopfer waren nicht nur die gefallenen Soldaten und die zivilen Opfer der Kämpfe, Opfer waren auch Juden, Sinti, Roma, Behinderte, Homosexuelle und andere, deren Leben als minderwertig galt oder die den Machthabern Widerstand leisteten, darunter auch nicht wenige Geistliche beider Konfessionen. Und Opfer, die unsere Trauer fordern, gibt es auch in unserer Zeit noch: offensichtlich wird das an den Anschlägen auf das World Trade Center mit vielen Tausend Toten, und auch immer dann, wenn deutsche Soldaten bei ihren Auslandseinsätzen zu Schaden kommen.

Wenn man den Volkstrauertag einmal losgelöst von seiner engen Verbindung zu den Weltkriegen betrachtet, bekommt er eine neue, tiefere Bedeutung. Nicht nur die Trauer um viele gewaltsam beendete Menschenleben allein ist es, die uns an diesem Tag bewegen sollte, sondern auch der Gedanke daran, wie viele Opfer extremes Gedankengut, nicht nur in Deutschland, schon gefordert hat. Unter diesem Aspekt hat der Volkstrauertag als Tag des nationalen Gedenkens auch dann noch seine Berechtigung, wenn längst niemand mehr bei uns ist, der einen Weltkrieg noch erlebt hat.

Und weil mir das durch die Ansprache von Pfarrer Mani klar geworden ist, habe ich es nicht bedauert, einen Teil meines Sonntags bei feucht-kaltem Wetter auf dem Friedhof verbracht zu haben.


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